« Zurück zur Übersicht

Land-Berichte. Sozialwissenschaftliches Journal. H. 1-2020  (März 2020)

Zusammenfassungen

Karl Friedrich Bohler: Soziologische Themen in Marion Kellers „Pionierinnen der empirischen Sozialforschung im Wilhelminischen Kaiserreich“ (Teil 1)

Marion Keller behandelt in der ersten Hälfte ihrer Dissertation die sog. (soziologischen) Autodidaktinnen: Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917) und Gertrud Dyhrenfurth (1862-1946). Beide führten – im Rahmen der jüngeren Historischen Schule der Nationalökonomie unterstützt von Gustav Schmoller und Max Sering - die ersten aufwendigen empirischen Untersuchungen zur sozialen Lage der Frauen in Deutschland und zur Frauenarbeit in Fabrik, Heimindustrie und Landwirtschaft durch. Sie waren zudem Teil der bürgerlichen Frauenbewegung, insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg. Vor allem Gnauck-Kühne forderte auch aufgrund der Ergebnisse ihrer Studien eine systematische berufliche Ausbildung für Frauen und einen offenen Zugang zum Studium. Dyhrenfurth befasste sich mehr mit der sozialen Frage, u.a. der städtischen Heimarbeiterinnen sowie der Landfrauen in unterschiedlich strukturierten Agrarregionen, und führte in ihrem schlesischen Gutsdorf lokale Sozialreformen durch.

Johannes Gold: Interethnische ökonomische Austauschbeziehungen in der Balkanstadt Prizren

Der vorliegende Beitrag greift Gedanken der kürzlich als Buch „Mul­ti­ethnizität in Alltag und Konflikt, Schein und Realität von Identitätskonstruktionen in der Balkanstadt Prizren. Wiesbaden 2019“ erschienenen, mit einem Preis der Südosteuropa-Gesellschaft ausgezeichneten Dissertation des Autors auf. Diese Arbeit ist im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“ an der Universität Jena entstanden. Die multiethnische Stadt Prizren im Kosovo weist in vielen Bereichen 20 Jahre nach dem Kosovokrieg nach wie vor starke ethnisch begründete Differenzen auf. Der Beitrag greift den Alltagsbereich „Arbeiten und Ökonomie“ heraus und untersucht anhand qualitativer und quan­titativer Daten, inwiefern Albaner, Türken, Bosniaken, Serben und Roma kooperieren und möglicherweise auch eine alle Ethnien umfassende inklusive Identität aufweisen. Die Untersuchung von vier verschiedenen Indikatoren legt den Modus eines pragmatischen Umgangs zwischen den ethnischen Gruppen nahe. Dies gibt Anlass zur Hoffnung, dass sich die Annäherung zwischen den Gruppen auch auf andere Lebensbereiche überträgt.

Ascan Silvester Pinckernelle: Samoa – ein Südseeparadies

Der Unabhängige Staat Samoa ist ein Südseeparadies mit traumhaften Stränden, einer tropischen Vegetation, atemberaubenden Wasserfällen und mit einer uralten, noch heute lebendigen Kultur, der Fa'a Smoa, die auf den vier Samoa-Inseln auf dem Grundsatz der Solidargemeinschaft basiert. Der ethnisch polynesische Anteil der durchgängig christlichen Bevölkerung von etwa 200.000 Einwohnern beträgt knapp 93%; die Analphabetenrate beträgt lediglich 1,1%. Etwa eine halbe Million Samoaner leben im Ausland, insbesondere in den USA, in Neuseeland und Australien,  und unterstützen ihre Familien und Dorfgemeinschaften auf Samoa. Die Samoa-Inseln gelten als der Ursprung der polynesischen Kultur. Sie waren von 1900 bis 1914 deutsches Schutzgebiet und seit 1914 unter der Verwaltung Neuseelands, das Samoa als ersten pazifischen Staat 1962 die Unabhängigkeit gab. Samoa hat politisch stabile Verhältnisse und genießt in der pazifischen Staatengemeinschaft hohes Ansehen. Hauptwirtschaftszweig ist der Tourismus.

Peter Bussler: Der Falkenfang im Elbe-Weser-Gebiet war über Jahrhunderte ein einträgliches Geschäft

Im heutigen Cuxhavener Ortsteil Sahlenburg wurde eine Örtlichkeit des dort seit 1880 angelegten Wernerwaldes seit Jahrhunderten als „Falkenfang“ oder „Falkenhütte“ bezeichnet. Bereits seit dem 15. Jahrhundert trafen sich dort alljährlich die aus Flandern oder Holland stammenden Falkenfänger, um die in Küstennähe gefangenen Vögel  - Edel- und Wanderfalken - für die Beizjagd abzurichten. Die abgerichteten Greifvögel waren in Frankreich besonders begehrt und fanden stets zahlungskräftige Abnehmer. Etwa seit dem Jahre 1770 sind im Sahlenburger Forst keine Falkenfänger mehr erschienen.

Peter Bussler: Beginn der Wasserstands- und Pegelmessungen in Cuxhaven und an der deutschen Nordseeküste

Das frühe Beobachtungsmaterial regelmäßig gemessener Pegelstände an der deutschen Nordseeküste basiert im Wesentlichen auf Datenmengen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nur wenige weitere aus Hamburg und Cuxhaven stammende Wasserstandsmessungen stammen aus noch früherer Zeit. Obgleich Wasserstandsmeldungen schon frühzeitig als wichtiges Instrumentarium für Sturmflutvorhersagen betrachtet wurden, sind regelmäßige Beobachtungen an der norddeutschen Küste in Emden, Oldersum oder Greetsiel erst zwischen 1770 und 1780 mit Hilfe entsprechender Tidepegel durchgeführt worden. Auf Vorschlag des Hamburger Wasserbaukondukteurs Reinhard Woltmann (1757-1837) war im Jahre 1800 in Bremen ein Pegel eingerichtet worden. Im niedersächsischen Raum wurden etwa gleichzeitig in Hamburg, Cuxhaven, Wischhafen, Geestemündung und Brake Pegel in Betrieb genommen. Über die Messungen von der Elbe in den Jahren 1811 bis 1813 sind zahlreiche Daten überliefert. Von Cuxhaven sind ab 1813 sorgfältig geführte Meldungen und Zusammenstellungen über auffällige Sturmfluten und über die höchsten Sturmflutscheitel eines jeden Jahres vorhanden. 1899 war der Cuxhavener Lattenpegel durch einen Schreibpegel ersetzt worden.

Hermann von Laer:  Der Wald in der Umweltkrise gestern und heute

Schon immer war der Wald für das Überleben der Menschen in unserem Teil der Welt von größter Bedeutung. Das Holz benötigte man nicht nur zum Heizen und als Baumaterial, sondern auch für viele andere Zwecke. Und außerdem diente der Wald bis ins 19. Jahrhundert hinein als existenznotwendige Viehweide und Düngerlieferant. Aber Wald stand nicht unbegrenzt zur Verfügung: So hatte das Bevölkerungswachstum bis Mitte des 14. Jahrhunderts nicht nur zu Not und Elend geführt, sondern auch zu einer fast gänzlichen Entwaldung Deutschlands. Erst die große Pest hat dann wieder ein neues „Gleichgewicht“ herbeigeführt. Ähnliches geschah rund um den Dreißigjährigen Krieg. Wenn heute in der öffentlichen Diskussion vom Wald die Rede ist, dann geht es allerdings nicht mehr um Ökonomie, sondern fast ausschließlich um Ökologie. Bei dieser Diskussion werden allerdings viele falsche und ideologisch verzerrte Argumente vorgebracht.

Gisela Borchers: Das Westpreußische Landesmuseum in Warendorf

Das Westpreußische Landesmuseum in Warendorf, Westfalen, ist wie das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg ein zum Hauptteil von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien auf Grundlage des § 96 des Bundesvertriebenengesetzes von 1953 finanziertes Museum zur Erinnerung an die Kultur und Geschichte der preußischen Provinz Westpreußen. Diese Provinz, zwischen Hinterpommern und Ostpreußen gelegen, verschwand 1920 als Folge des Versailler Vertrages von der Landkarte. Danach  existierte Westpreußen nur noch als gleichnamiger Regierungsbezirk in der Provinz Ostpreußen. Sie  definiert sich heute als Land am Unterlauf der Weichsel, und das Museum lädt die Besucher ein zu einer Begegnung mit einer deutsch-polnischen Kulturlandschaft.