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Land-Berichte. Sozialwissenschaftliches Journal. H. 2-2020  (Juni 2020)

Zusammenfassungen

Gerd Vonderach: Unterschiedliche demographische Entwicklungen in Europa und ihre Hintergründe. Wahrnehmungen durch neuere statistische Übersichten

Europa ist insgesamt ein alternder Kontinent mit kaum noch wachsender bzw. mit stagnierender und künftig eher sinkender Zahl seiner Bewohner geworden, die zunehmend durch außereuropäische Zuwanderer ersetzt werden. Diese Entwicklung verläuft recht unterschiedlich in den europäischen Ländern und ihren Regionen. Die  demographische Entwicklung von 2014 bis 2018 wird in diesem Beitrag in mehreren Tabellen dargestellt und reflektiert, die auf der Grundlage der in der statistischen Erfassung „Eurostat“ der Europäischen Union vorliegenden Daten erstellt werden konnten. Die neuere Bevölkerungsentwicklung in Mitteleuropa, Westeuropa und Nordeuropa verläuft günstiger als in Ostmitteleuropa, Südeuropa und Südosteuropa. Weiterhin werden auch Daten über die Geburtenhäufigkeit, die Wirtschaftsleistung sowie die Ein- und Auswanderungszahlen als wichtige einflussnehmende Faktoren vorgestellt.

Peter Bussler: Regelmäßige Elbvertiefungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen. Fahrrinnenanpassung im Widerstreit der Meinungen

Die regelmäßig wiederkehrende Berichterstattung über die Anpassung des Elbefahrwassers ist seit Jahren auch Gegenstand eines erbittert ausgetragenen Streites. Die historischen Fakten belegen, dass es die von der Hansestadt Hamburg durchgeführten Elbvertiefungen schon mehrere Jahrhunderte gibt, denn mit zunehmender Industrialisierung stieg das Interesse Hamburgs an immer größeren Warentransporten mit beständig gewachsenen Schiffseinheiten an. Befand sich die durchschnittliche Flusssohle der Elbe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in einer Tiefe von 4 bis 5 Metern, erlaubt die Elbe seit dem Jahr 2000 riesigen Containerschiffen mit Tiefgängen von etwa 13 Metern die Passage bis zum Hamburger Hafen. Daraus erwachsen jedoch Risiken und Gefahren für die Elbanrainer. 

Peter Bussler: Von Räuberbanden und ihrem Schicksal im nördlichen Elbe-Weser-Gebiet

Mit dem Ende der französischen Herrschaft 1813/14 trat im nördlichen Elbe-Weser-Raum eine neue Plage auf den Plan, denn marodierende Diebes- und Räuberbanden stellten die ohnehin gebeutelte Einwohnerschaft auf eine neue harte Probe. Davon betroffen war vornehmlich das Land Wursten und das Hamburgische Amt Ritzebüttel. Die gefürchtetsten Missetäter konnten dingfest gemacht und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden; sie fanden ein unrühmliches Ende durch das Schwert des Scharfrichters. Obgleich öffentliche Hinrichtungen grausam waren, sind sie doch mitunter von mehreren tausend Zeitgenossen als ein anziehendes Schauspiel und willkommene Abwechslung vom Alltagstrott betrachtet worden. Wenn ein Urteil vollstreckt werden sollte, wurde streng darauf geachtet, dass die Eingesessenen dem Spektakel beiwohnten. Trotzdem hat die öffentliche Hinrichtung nicht immer abschreckende Wirkung gehabt, so dass im Laufe weniger Jahre neue Räuberbanden ihr Unwesen treiben konnten.

Gisela Borchers: Der Kampf gegen das Wasser. Die Hunte und das Hohe Moor bei Oldenburg

Die Ortschaften Neuenwege und Tweelbäke im Osten von Oldenburg (in Oldenburg)  wurden jahrhundertlang durch Wasser und das Hohe Moor geprägt. Hochwasser und Sturmfluten der Hunte und das Oberflächenwasser des Flüsschens Tweelbäke hinderten eine wirtschaftliche Nutzung, bis es erst im 20. Jahrhundert gelang, dieser beiden Naturgewalten Herr zu werden: Das Rückhaltebecken des Tweelbäker Sees zähmte das Oberflächenwasser der Tweelbäke und ein neues und breites Sieltief entwässerte die Neuenweger Klostermark zum neuen Mündungsschöpfwerk in Hollersiel.

Walter Kreul: Fleißen im Egerland. Aufstieg und Niedergang eines sudetendeutschen Gemeinwesens

Nach einer Einführung in die Siedlungsgeschichte der Sudetendeutschen mit Schwerpunkt auf die Zeit zwischen den Jahren 1918 bis 1946 werden in dem Beitrag am Beispiel des Ortes Fleißen Aufstieg und Niedergang eines sudetendeutschen Gemeinwesens beschrieben. Dem Aufstieg von kleinsten Anfängen bis zum führenden Industriestandort des Egerlandes folgte nach der kollektiven Vertreibung der Sudetendeutschen durch die Tschechen am Ende des 2. Weltkrieges der Niedergang: von ursprünglich annähernd 4.000 Arbeitsplätzen in der Textil- und Lederindustrie sind knapp 100 übriggeblieben. Dagegen konnten die vertriebenen Sudetendeutschen in der neuen Heimat Westdeutschland, trotz widrigster Umstände, wirtschaftlich allmählich wieder reüssieren und trugen auf diese Weise zum „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit bei.

Anton Sterbling: Deportation, „Kollektivschuld“, Erinnerung. Zur Verschleppung der Banater Schwaben in die Sowjetunion 1945

Diese Überlegungen sind im Zusammenhang mit einem Projekt über „Die Deportation der Deutschen aus dem Banat in die Sowjetunion aus der Sicht ihrer Kinder“ entstanden. In diesem Beitrag finden sich Fra­gen der individuellen und kollektiven Erinnerung, der sogenannten „Kollektivschuldproblematik“, Erlebnisse und Erfahrungen in den sowjetischen Arbeitslagern wie auch Aspekte der Geschichte des sowje­tischen Lagersystems und Folgeprobleme der Sowjetisierung Osteuro­pas behandelt. Die Ausführungen sollen unter anderem zeigen, wie rasch eine menschliche Gemeinschaft und ethnische Minderheit wie die Banater Schwaben ins Räderwerk der Geschichte geraten und – mit oder ohne eigenes Zutun und Schuld – zum willkürlichen Spielball entfesselter und gewaltenthemmter Mächte werden kann.

Karl Friedrich Bohler: Soziologische Themen in Marion Kellers „Pionierinnen der empirischen Sozialforschung im Wilhelminischen Kaiserreich“ – Teil 2

Marion Keller behandelt in der zweiten Hälfte ihrer Dissertation die sog. Promovendinnen. Rosa Kempf und Marie Bernays führten – unterstützt von Lujo Brentano oder Max und Alfred Weber - mustergültige empirische Untersuchungen zur sozialen Lage der Frauen im Rahmen von (groß-)städtischer Fabrikarbeit und kleinbäuerlicher Landwirtschaft, aber auch zu benachteiligten Wohnquartieren in Deutschland durch. Kempf und Bernays waren noch Teil der bürgerlichen Frauenbewegung, traten aber v.a. in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik durch ihre Rolle als „Gründungsmütter“ erster Fachschulen für Soziale Arbeit hervor. Kempf forderte sozialpolitisch wie schon Gnauck-Kühne eine systematische berufliche Ausbildung für Frauen und bessere Löhne. Marie Bernays befasste sich nach dem Scheitern einer akademischen Karriere zwar mehr mit der sozialen Frage und leitete in Mannheim die Soziale Frauenschule, suchte aber Elemente der Sozialforschung in die Ausbildung der Sozialfürsorgerinnen zu integrieren.